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22. Juni 2006
Interview: Der Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Ulrich Thöne, gibt Fehler seiner Organisation in der Patriotismus-Debatte zu

"Broschüre aus dem Museum"


Frankfurter Rundschau: Herr Thöne, zu Beginn der Fußball-WM haben Sie "Argumente gegen das Deutschlandlied" verschickt. Jetzt entschuldigen Sie sich dafür. Warum sind Sie eingeknickt?
Ulrich Thöne: Wer sich die Fähigkeit zur Kritik bewahren will, muss auch selbstkritisch sein und sich korrigieren können. Wir sind auf dem falschen Bein erwischt worden. Das kreide ich auch mir an. Diese Broschüre kommt aus dem Museum und ist nicht unser aktueller Debattenbeitrag zum Thema Nationalbewusstsein.

Sind die Argumente falsch, die in der Broschüre stehen? Jedes Argument kann ich nur aus dem Zeitkontext verstehen. Die Broschüre ist vor 1990 entstanden. Ihr Verdienst ist, dass sie klar macht, welche Belastung mit der deutschen Nationalhymne einhergeht. Noch ein anderer Punkt muss herausgestellt werden. Die dritte Strophe war von enormer Bedeutung für das Zusammenwachsen Deutschlands. "Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland" ist 1990 eine ganz zentrale Aussage für sehr viele Menschen gewesen, die sich dafür in Bewegung gesetzt haben. Dieser Punkt fehlt in der Broschüre völlig, weil sie vorher entstanden ist.

Also finden Sie die Hymne gut?
An diesem Punkt natürlich. Aber das ändert nichts daran: Die Konnotation dieser Hymne, wenn sie musikalisch gespielt wird, ist in verschiedenen Ländern ganz unterschiedlich. Dessen muss man sich bewusst sein. Ich weiß, wovon ich rede, ich komme gerade aus Israel zurück.

Stellen Sie die Hymne zur Debatte?
Wir haben keine Diskussion über nationale Symbole gewollt. Die Frage ist vielmehr: Wie kriegen wir es hin, dass sich die Menschen mit einem Wir-Gefühl, im positiven Sinne ausgestattet mit Selbstbewusstsein begegnen können? Diese Frage wollten wir aufwerfen.

Erleben Sie im Zuge der Fußball-Weltmeisterschaft dieses Wir-Gefühl?
Sie können sich vorstellen, dass mein Blick durch die Heftigkeit der Debatte im Augenblick ein bisschen getrübt ist. Wenn ich das aber richtig wahrnehme, sehe ich, dass besonders Jugendliche im positiven Sinne Nationalgefühle benutzen und damit einen Platz besetzen, den sonst die rechte Szene glaubte allein für sich zu haben. Da kann ich nur sagen: Ganz toll, so soll es weitergehen.

Singen Sie persönlich die Nationalhymne begeistert mit, wenn Sie Fußballspiele sehen?
Seit ich aus Israel zurück bin, komme ich leider nicht zum Fußballgucken.

Würden Sie mitsingen?
Das hängt von der Stimmung ab. Wenn ich mit im Stadion wäre, könnte ich mir nicht vorstellen, dass ich als Miesepeter an der Seite stünde. Aber zu Hause komme ich bestimmt nicht in eine Stimmung, dass ich freudig erregt mitsingen würde.

In der GEW sind viele verärgert.
Die Diskussion in der GEW wird schwierig. Da wird es Auseinandersetzungen geben. Aber ich sehe nicht, dass wir großartige Unterschiede in der Einschätzung mit Blick auf die nationalen Symbole oder die Nationalhymne hätten.

Wie viele Austritte gab es?

Das kann ich noch nicht einschätzen. Beim Hauptvorstand waren es nur sehr wenige Austritte. Wir fragen jetzt die Landesverbände ab. Die GEW war heftiger Kritik ausgesetzt. Da kann ich verstehen, dass eine ganze Reihe von Mitgliedern sagt: Spinnen die denn? Die ziehen Konsequenzen daraus, und das kann ich ihnen nicht einmal übel nehmen.

Interview: Viktor Funk und
Pitt von Bebenburg

 



   
   
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