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08. Juni 2006
Public-Private-Partnership an Schulen

Die Bildungsmärkte der Wissensgesellschaft

von Horst Bethge
Die Mutter, die ihre Tochter an der benachbarten Grundschule anmeldet, das Arztehepaar, das mit dem in der Nachbarschaft gut beleumundeten Gymnasium für den Sohn liebäugelt, die Junglehrerin, die sich um Einstellung in den Schuldienst bemüht, der Sonderschullehrer mit der Gehaltsgruppe A 14 und 20-jähriger Diensterfahrung – sie alle gehen selbstverständlich davon aus, dass unsere Schulen und Hochschulen vom Staat, der Gemeinde oder dem Land eingerichtet und durch Steuern bezahlt sind und für Beschulung und alle Art von Abschlusszeugnissen sorgen. Recht haben sie mit ihren Annahmen, denn es gibt sie, die Bildungseinrichtungen, wie wir sie kennen. Und es gibt Reformschulen, -Kitas und Seminare, in denen moderne, emanzipative und demokratische Bildung erfolgt, in denen fast alles ganz anders ist, als wir es kennen.

Aber es gibt auch noch ganz andere Schulen, Kitas und Bildungseinrichtungen mit ganz andersgearteter Praxis und anderen Rahmen-Bedingungen. Der vorliegende Beitrag soll diese anderen Rahmenbedingungen genauer ausführen. Gezeigt werden wird, dass die Privatisierung des deutschen Bildungssystems auf unterschiedlichen Ebenen enorm vorangeschritten ist und rasant weiter voranschreitet. Dieser Wandel hin zur Privatisierung ist einer, der sich weitgehend unbemerkt vollzieht und – gemessen an der Tragweite der Veränderungen – kaum öffentlich skandalisiert wird. Ich werde in meinem Beitrag nicht nur einen kursorischen Überblick über Beispiele der Privatisierung des deutschen Bildungswesens geben, sondern auch die zurechenbaren politischen und ökonomischen Akteure benennen, um dem beliebten Sachzwang-Argument des „There is no Alternative“ zu begegnen. Was in der Regel selbst innerhalb des kritischen Bildungsdiskurses übersehen wird, ist, dass wir es in den letzten zwei Jahrzehnten mit einem neuen gesamtgesellschaftlichen Ordnungsmodell zu tun haben, das weit über die Frage nach der Effizienz von Bildungseinrichtungen hinausgeht (vgl. hierzu auch die Beiträge von Bauer, Schöller, Gerdes und Wacquant in diesem Band).

Aus den praktischen Beispielen vor Ort im In- und Ausland, den Papieren und dem Auftreten der unten genannten Akteure lassen sich mehrere parallel verfolgte Strategien ablesen, die aber alle auf Deregulierung, Privatisierung und Ökonomisierung zielen:

  • Die Privatisierung der Bildungskosten, das heißt, die Abwälzung auf die Betroffenen, die Eltern, die Lernenden oder Weiterzubildenden, und zwar in vielfältigen Formen (Gebühren, Büchergeld).
  • Sponsoring von Pilotprojekten und Aufbau von Netzwerken so geförderter Musterschulen und Bildungseinrichtungen (Netzwerk innovativer Schulen, Bertelsmann), wobei Nischen und Versäumnisse der staatlichen Bildungspolitik genutzt werden, oder Ressorcenknappheit dazu verführt, sich wenigstens um Beteiligung an Pilotprojekten zu bewerben.
  • Public-Private-Partnership (PPP oder deutsch: Öffentlich-Private-Partnerschaft, ÖPP), dass heißt ein schrittweises Eindringen in die staatliche Verantwortung mit dem Ziel, auch die staatlichen Anteile nach und nach übernehmen und den Staat ganz ersetzen zu können. Dabei werden alle Zwischenschritte kreativ und mit langem Atem beschritten, sei es, dass man mit dem vorhandenen Personal (vor allem den Beamten) erst einmal weiterarbeitet, sei es, dass man sich die staatliche Finanzierung als Sockel erhält. (Beispiele: berufliche Schulen in Hamburg, Gebäudemanagement, Sponsoring, Schulen ans Netz).
  • Abbau des individuellen Rechtsanspruchs auf Bildung (Menschen- und Grundrecht), zuerst Koppelung an deren Bezahlbarkeit (meistens durch Gesetzesänderungen auf Landesebene), dann private Zuzahlung, zum Schluss: Ersetzung der staatlichen Verpflichtung, öffentliche Güter bereitzustellen, durch das Handelsgut Bildung. Bildung wird zur Ware, Ausbildung zum Kostenfaktor, Schul- und Hochschulorganisation erfolgen nach betriebswirtschaftlichen Kriterien (Ökonomisierung, Kosten- und Leistungsrechnung mit Benchmarks), die PädagogInnenarbeit wird taylorisiert (neue Arbeitszeitmodelle), Outputsteuerung des Bildungssystems.
    Schrittweise Beseitigung der als Handelshemmnis bezeichneten nationalen Regelungen durch Handelsabkommen (GATS) und Verordnungen und Richtlinien der EU (Bolkestein), den Bologna- und Kopenhagen- Prozess, und vor allem über Zertifikate, Zulassungsverfahren, Standards, Lehrpläne – und zwar weltweit. Regulation erfolgt nur durch den Markt. Da wird auch mal nachgeholfen, indem den Staaten erpresserische Auflagen erteilt werden (Beispiel: Kreditvergabe der Weltbank nur unter der Maßgabe, Gehälter zu senken oder das Bildungswesen zu privatisieren oder zu regionalisieren).
  • Schrittweise Atomisierung des staatlich regulierten Bildungswesens, indem es in kleinere, selbständig agierende Einheiten zerlegt wird. Deren personelle und finanzielle Ausstattung für die Administration (Finanz- und Personalverwaltung), Fortbildung, Evaluation, Programmentwicklung und Perspektivplanung wird bewusst klein gehalten. Einmal aus Kostenersparnisgründen (Selbstverwaltung des Mangels), zum anderen auch, um Outsourcing zu erleichtern. Fortbildung, Programmentwicklung und Planung wird an aushäusige und (private) Institute ausgelagert, die Administration an dafür besser ausgebildete Fachleute vergeben und die Evaluation an Testfirmen oder Zertifizierungsagenturen verlagert. Die vielfach geforderte größere pädagogische Autonomie wird in eine administrative Autonomie der Selbstverwaltung vorgegebener personeller und finanzieller Ressourcen durch die Leitungskader umgebogen – und somit reif als Einfallstor für Privatisierungen.
Über den Stand der Privatisierungen im deutschen Bildungsbereich soll nunmehr berichtet werden.



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