Paul Weßels


"Robert der Tischrücker aus Scharresand"
Konke Oltmanns und der Reihetisch in Schwerinsdorf

Lehrer Konke Oltmanns, Mitte des 19. Jahrhunderts Lehrer in Schwerinsdorf bei Hesel, war ein geistreicher und witziger Autor, der im von Hinrich Janssen Sundermann heraugegebenen Lehrer-Schriftwechsel u.a. unter dem Pseudonym "Robert der Tischrücker aus Scharresand" in ironisch-bitterer Weise seine Erfahrungen mit dem Reihetisch in Schwerinsdorf zum besten gab. Zunächst schreibt er über den Weg: "Dreimal, so viel ich in Erfahrung gebracht habe, macht der Lehrer täglich einen Verdauungsspaziergang nach Umständen von einer ½ bis zu einer Stunde. [...] Einerlei, wenn nun aber sein Spaziergang - hin und her - anderthalb Stunden währen muß, so soll er gesetzlich die Geschicklichkeit besitzen, ihn in einer Stunde zu machen. Wenn er müde und matt ist von dem Kampfe mit den Sonnenstrahlen, oder den Regenströmen, oder den heulenden und rasenden Winden, oder dem starren Froste, oder, oder - , soll er aufgelegt sein, mit den Kindern zu singen, zu sprechen, etc. trotz seinem Katarrh, trotz nassen Füßen und durchnässten Kleidern oder einer anderen möglichen Errungenschaft. Solche Schnelltraberei ist aber keinem Menschen, der nicht aus Eisen und Stahl geschmiedet ist, zuzumuten? Meinst Du. Und doch geschiehts. Da schreit der Michel: He! Ist der Teufelsküster noch nicht wieder da? Die Kinder reißen ja die Schule auseinander. Töffel kommt hinzu und meint, er hätte wohl schon von Wien wieder zurück sein können. Michel und Töffel sind bald nach unverschuldetem Zuspätkommen des Lehrers mit mehreren anderen zusammen und der Lehrer wird nun ordentlich gekämmt. Der Schluß ihrer exaltierten Reden lautet: Wenn der Lehrer fortan nicht zur Zeit in der Schule ist, soll dies und das geschehen."
Über das Schicksal, das den Lehrer ereilen konnte, wenn er bei seinem Gastgeber ange-langt war, schreibt Oltmanns: "Ach, Du mein Gott! Da angelangt, koth-, staub- oder schweißbedeckt findet er da, für heute besonders, den Proviant ausgegangen. Da ist keine Butter, da ist kein Schmalz und dies nicht und das nicht. Nein! Hörst Du Tischrücker! Heute kannst Du unser Gast nicht sein. Die nächste Festung mag Dich für heute versorgen. Was ist zu machen? Es muß gefochten sein. Mit ein paar Schritten und einem "Guten Morgen!" hat er eine neue Festung eingenommen. Na! So und so. "Ich begehre mich zu sättigen von den etc." "Hat der Euch schon das Essen gegeben? Wir brauchen noch nicht. Nein es kann nicht sein; wenn wir's gewußt hätten! Wir haben uns nicht darauf eingerichtet." Der Lehrer kann weiter gehen, oder aber er bittet und bettelt so lange und so süß, verspricht mit allem, was es giebt - statt der Butter mit geschmolzenem Schweineschmalz (Küssel) oder ausgebranntem Speckfette oder anderer Schmiere zum Brot - vorlieb zu nehmen und damit zufrieden zu sein, daß die Hausfrau sich sein erbarmt und ihn für heute aufnimmt, welch christliche That sie denn auch Jahre lang ihm jedesmal, wenn er in ihre Hausfestung kommt, getreulich wiedererzählt."
(Quelle: Lehrerschriftwechsel 11/1853, S. 147 - 148, 11/1853, S. 165. Das Pseudonym "Robert" wird von Friedrich Sundermann in einer hanschriftlichen Notiz seiner Ausgabe des Lehrerschriftwechsels - heute im Besitz der Landschaftsbibliothek Aurich - aufgelöst.)

 

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