Wir erinnern an die verstorbenen Mitglieder unseres Arbeitskreises

 

Hans Bierwirth (1918-2002)

 

Karl Reuer (1934-2002)

 

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"fair, offen und vermittelnd"

Hans Bierwirth (1918-2002)

 

 

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Hans Bierwirth wurde am 1. April 1918 in Neu Welzow im Kreis Spremberg geboren. Der Vater war Leiter der Post in Spremberg. Hans Bierwirth besuchte von 1924 bis 1935 die Volksschule und das Gymnasium in Spremberg. Das Abitur legte er am 3. März 1936 ab, nachdem er während des letzten Schuljahrs in Frankfurt an der Oder das Gymnasium besucht hatte. Noch im gleichen Jahr nahm er auch das Lehramtsstudium in Frankfurt auf und schloß es zwei Jahre später ab. Es war Hans Bierwirth aber verwehrt, sofort als Junglehrer in die Praxis zu wechseln. Er musste zunächst den Arbeitsdienst ableisten und wurde dann im November 1938 zur Wehrmacht eingezogen. Er wurde in einer Nachrichtenabteilung eingesetzt, wo er während des Zweiten Weltkrieges wo er in der Nachrichtlichen Fernaufklärungskompanie 617 und 623 im August 1943 zum Leutnant und beim Kommandeur der Nachrichten Aufklärung 1 im Dezember 1944 zum Oberleutnant ernannt wurde. Noch während des Krieges - am 12. Juni 1943 - heiratete Rudhild Schmidt. Bei Kriegsende geriet er in russische Kriegsgefangenschaft und kehrte erst 1949 daraus zurück in die damalige DDR. Nach dem Krieg hielt er enge Verbindung zu seinem "Haufen". Etwa ein bis zwei Mal im Jahr traf er sich mit seinen alten Kameraden.
In der DDR wurde es ihm verwehrt, in seinem Beruf als Lehrer zu arbeiten, weil er sich weigerte in die Partei einzutreten und er außerdem im Krieg Offizier gewesen war. Der zuständige Schulrat war damals ein guter Bekannter aus dem Studium, der ihm nahe legte in die Partei einzutreten, dann könne er sofort mit einer Einstellung rechnen. Hans Bierwirth zog es aber vor, bei der Handelsorganisation HO Lebensmittel eine Beschäftigung zu finden, bei der er seit Ende August 1950 in Cottbus beschäftigt war. Zunächst war er Lagerist, stieg dann kurz zum kommissarischen Lagerleiter auf und baut anschließend die Transportabteilung des Hauptgeschäfts in Cottbus auf. Schließlich wurde er Branchenleiter für Süßwaren.
1952 wurde er im zweiten Anlauf doch als Lehrer eingestellt, aber noch vor Aufnahme der pädagogischen Tätigkeit erneut wegen politischer Differenzen wieder aus dem Dienst entfernt. Mittlerweile waren 1950 und 1951 die Söhne Hans-Jürgen und Wolf-Reinhard geboren worden, 1953 folgte die Tochter Dörte. Er war als mehrfacher Familievater also auf eine Arbeit angewiesen. Er erledigte seine Tätigkeit auch zur "vollsten Zufriedenheit" seiner Vorgesetzten. Er zeigte "gutes Organisationstalent" und man traute ihm zu, durchaus "größere Aufgaben zu bewältigen". In den Tätigkeitsbereich Hans Bierwirths bei der HO fiel aber auch die Aufgabe, als "Zirkelleiter" Schulungen durchzuführen. In diesem Zusammenhang wurden ihm "gute pädagogische Fähigkeiten" attestiert. Da er sich aber nach wie vor weigerte, der SED beizutreten, wurde er als Schulungsleiter unliebsam und deswegen 1953 entlassen. Hans Bierwirth wechselte zum "Konsum", wo er gleichfalls verschiedene Tätigkeiten ausübte und schließlich zum "Bonbonvertreter" avancierte. Diese Beschäftigung war mit dem ausgesprochenen Privilegien des Besitzes eines Autos und eines Telefons verbunden.
Hans Bierwirth sah aber in der DDR keine Perspektiven mehr für sich. Er wollte Pädagoge werden. Am 24. März 1959 gelang ihm mit seiner Familie die Flucht nach Westberlin. Direkt anschließend zog er in den Westen, zunächst nach Essen zu seiner Großmutter und dann nach Vettweis im Kreis Düren, wo ihm ein Kamerad aus seiner Kompanie für einige Wochen eine Beschäftigung als Staubsaugervertreter vermittelte. Hans Bierwirth wollte aber pädagogisch arbeiten, und er wollte mit seiner Familie ans Meer. 1960 gelang es ihm, eine Anstellung als Junglehrer in Midlum zu finden. Er musste im Alter von 42 Jahren noch die Ausbildung zum Zweiten Staatsexamen absolvieren. Sein Mentor Lehrer Hündling war jünger als er selber. 1963 bestand er die zweite Lehrerprüfung. In Jemgum war Hans Bierwirth entscheidend am Aufbau der Carl-Goerdeler-Schule als Mittelpunktschule beteiligt. Von 1968 bis zum Eintritt in den Ruhestand im Februar 1981 leitete er die Schule mit Umsicht und Engagement. Hans Bierwirth war Lehrer aus Leidenschaft. Als Pädagoge und im Umgang mit seinen Kollegen war ihm eine natürliche Autorität gegeben, um die er sich nicht bemühen musste.
Nach seinen persönlichen Erfahrungen in der DDR trat er nie einer Partei bei, betätigte sich aber als Pädagoge schon bald im Interesse seines Berufsstandes im Ostfriesischen Lehrerverein bzw. in der GEW. Er wurde Junglehrervertreter, und etwa ab 1964 bis 1970 war er Vorsitzender des Kreisverbandes Rheiderland. Von 1971 bis zur Auflösung fungierte er auch als Vorsitzender des Ostfriesischen Lehrervereins. Im Lehrerbezirkspersonalrat vertrat er von 1966 bis 1980 die Grund- und Hauptschulen. In diesen Funktionen zeigte Hans Bierwirth sich sehr tolerant. Er war kein Dogmatiker, sondern er wirkte - auch als guter Redner - mit seiner fairen und offenen Art immer vermittelnd und zum wohl der Kolleginnen und Kollegen zwischen den verbandspolitischen Fronten. Privat war er ein guter Gesellschafter, der viel Humor zeigen konnte. So wirkte er auch gern bei Kabaretteinlagen der "Orgelpfeifen" auf Veranstaltungen der GEW mit.
Nach der Eingliederung des Ostfriesischen Lehrervereins in den neu formierten GEW-Bezirksverband Weser-Ems im Jahr 1980 orientierte sich Hans Bierwirth in seiner Verbandsarbeit neu. Er wurde erster und langjähriger Sprecher der Arbeitsgruppe Ostfriesland der Stiftung Schulgeschichte der GEW. Eng verbunden mit dieser Arbeitsgruppe war der Aufbau des Ostfriesischen Schulmuseums in Folmhusen. Als sich daraus 1984 ein eigenständiger Verein Ostfriesisches Schulmuseum Folmhusen entwickelte, wurde er in Personalunion auch zu dessen erstem Vorsitzenden gewählt. Diese Funktion hielt er bis 1996 bei. 1995 war er Mitherausgeber der zweibändigen Dokumentation "Schule in Ostfriesland 1945 bis 1995".

Hans Bierwirth ist 1981 pensioniert worden. Im gleichen Jahr starb seine Frau Rudhild. 1989 hatte er das Glück, mit Ruth Lindstedt eine zweite Ehe eingehen zu dürfen. Am 5. Juli 2002 starb Hans Bierwirth im Alter von 84 Jahren in Leer-Bingum.

Paul Wessels

 

 

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„Ein liebenswerter und humorvoller Freund“
Zum Tod von Karl Reuer (1934 – 2002)

Karl Reuer ist in der ostfriesischen Schulgeschichtsforschung ein Begriff. Sein Name und der des Ostfriesischen Schulmuseums sind auf das Engste miteinander verbunden. Er hat gemeinsam mit seiner Frau Wimod das Ostfriesische Schulmuseum in Folmhusen aufgebaut und weiter entwickelt, das er seit Juni 1987 offiziell leitete. Die im Januar 2003 stattgefundene Einweihung des Erweiterungsgebäudes, die sogenannte Bücherscheune, erlebt er nicht mehr. Karl Reuer starb am 17. Oktober 2002 in Flachsmeer.

Karl Reuer wurde am 19. August 1934 in Coswig/Anhalt geboren. 1949 wurde er dort konfirmiert. Im gleichen Jahr zogen seine Mutter und er nach Göttingen zu seinem Vater, der dort inzwischen eine Anstellung als Lehrer gefunden hatte. Hier besuchte Karl die Mittelschule und nach Abschluss der 10. Klasse das Wirtschaftsgymnasium und danach das Abendgymnasium, auf dem er 1956 sein Abitur machte, um danach erfolgreich ein Lehramts-Studium an der Pädagogischen Hochschule in Göttingen abzuschließen.

Karl Reuer kam 1960 als Junglehrer nach Berumbur in Ostfriesland und dies „nicht freiwillig“, wie es seine Frau Wimod verbürgt. Die beiden hatten sich in Emden kennen gelernt und 1967 geheiratet. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor: Veit (Jahrgang 1969) und Stefanie (1972). Nach den Schulstellen in Berumbur, Wiesederfehn und Völlenerkönigsfehn wechselte Karl Reuer 1973 an die Grundschule in Flachsmeer, in der er bis zu seiner Pensionierung 1997 blieb.

Seiner neuen Heimat galt sein Interesse, um Land und Leute der Region Ostfriesland besser kennen und verstehen zu lernen. So übte er sich auch im Plattdeutschen und erhielt dadurch besonders auch bei den älteren ostfriesischen Museumsbesuchern eine zusätzliche Wertschätzung. Anfangs kümmerte Karl Reuer sich aus Interesse um die (das ist sachlich nicht richtig!) Geschichte der Windmühlen in Ostfriesland, gab dazu eine Mühlenkarte heraus und war aktiver Teilnehmer in einer Arbeitsgruppe des Regionalpädagogischen Zentrums (RPZ) in Aurich, um eine Unterrichtseinheit zum Thema „Industriedenkmal Mühle“ zu erstellen. Später engagierte er sich in einem Arbeitskreis von MoBiLe (Museums- und Bildungsstätte als Lernorte) der Ostfriesischen Landschaft in Aurich, um mit einer geringen wöchentlichen Unterrichtsbefreiung von vier bis neun Stunden im Ostfriesischen Schulmuseum zu arbeiten und eine noch heute aktuelle Unterrichtseinheit „Besuch in einer alten Schule“ zu erstellen.

1975 wurde Karl Reuer von der Gemeinde Westoverledingen gebeten, sich neben den Vertretern des Heimat- und Verkehrsvereins um die Einrichtung und Entwicklung eines Schulmuseums in der zweiklassigen alten Schule Folmhusen zu kümmern. „Begeistert arbeitete er an einem Konzept, bereiste zunächst die Schulen der Gemeinde und erweiterte dann seinen Aktionsradius, um alte Objekte aus den Schulen für das Museum zu retten. Da es noch kein Magazingebäude gab, wurden Depots in mehreren Schulen und im Keller des eigenen Hauses eingerichtet“, erinnert sich seine Frau Wimod.

1986 wurde in der alten Schule Folmhusen zunächst eine Ausstellung zur historischen Entwicklung der Nebenschule Folmhusen gezeigt, die sehr großes Interesse bei der hiesigen Bevölkerung hervorrief. Am 12. Juni 1987 wurde das Museum dann offiziell eröffnet und bereits fünf Jahre später, konnte 1992 durch das hartnäckige Drängeln und Nachfragen bei den zuständigen Behörden und Ansprechpartnern durch die damalige niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kunst, Helga Schuchardt, das neben dem alten Schulgebäude liegende Fehnhaus als Magazin- und Verwaltungsgebäude des Schulmuseums der Öffentlichkeit vorgestellt werden. In den folgenden Jahren entwickelte Karl Reuer in ehrenamtlicher Arbeit zusammen mit seiner Frau und dem Mitarbeitern des Museums viele interessante Sonderausstellungen,

Seit 1975 mit der Materie „Schulmuseum in Folmhusen“ beschäftigt, suchte und fand Karl Reuer interessierte Kollegen in der Arbeitsgruppe Ostfriesland der Stiftung Schulgeschichte der GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft), deren Mitglied er wurde. Aus der Arbeitsgruppe heraus gründete man am 16. Mai 1984 unter wesentlicher Mitwirkung von Karl Reuer den Verein „Ostfriesisches Schulmuseum Folmhusen e. V.“, der zusammen mit dem Heimat- und Verkehrsverein die Trägerschaft des Schulmuseums übernommen hat.

Parallel zur Entstehung des Ostfriesischen Schulmuseums entwickelten sich auch in anderen Regionen Europas Schulmuseen. Karl Reuer hielt ständig Kontakt zu verschiedenen europäischen Einrichtungen, die sich seit 1984 regelmäßig alle zwei Jahre in Deutschland oder dem europäischen Ausland zu Symposien trafen. So richtete das Ostfriesische Schulmuseum 1993 das 5. Internationale Symposium in Aurich aus, an dem über 80 Teilnehmer aus zwölf verschiedenen Ländern Europas, aber auch aus Brasilien und der USA teilnahmen.

Nicht nur als ehrenamtlicher pädagogischer Schulmuseumsleiter war Karl Reuer aktiv, er baute gemeinsam mit seiner Frau auch durch den zielstrebigen Ankauf von historischen Lehr- und Lernbüchern besonders aus dem 18. und dem beginnenden 19. Jahrhundert die mittlerweile bedeutende historische Schulbibliothek des Museums auf . So manch eine Rarität kann dadurch den Nutzern des Museums eine Freude bereiten.

Größten Erfolg für das Ostfriesische Schulmuseum und dessen Bekanntheitsgrad erzielte Karl Reuer mit seinen Schulstunden, die er als Unterricht „Wie in alten Zeiten“ als ein Rollenspiel konzipierte. Durch seine originelle Vermittlung konnte er mit diesen historischen Schulstunden nicht nur Schüler sondern auch Erwachsene begeistern.

Karl Reuer konnte seine Mitmenschen motivieren. Er war „ein immerwährender Treiber“, „ein Drängler, der ganz hartnäckig sein konnte, wenn er es wollte“, „ein sehr engagierter und lebhafter Mensch“, „ein liebenswerter und humorvoller Freund“, der uns nun so sehr fehlt.

Helmut Sprang

 

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