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Senioren
Oktober 2006
SeniorInnen unterwegs GEW-Senioren nicht in Schieflage
Ende des letzten Jahres trafen sich die GEW-Senioren der Kreise Norden und Aurich wieder einmal, um sich der Historie Ostfrieslands und gewerkschaftlichen Themen zu widmen. Treffpunkt der 34(!) Senioren waren die Kirche in Suurhusen und das nahe gelegene Arbeiterhaus. Nachdem man sich in zwei Gruppen getrennt hatte, lauschte man mit Interesse den jeweiligen Ausführungen der kundigen Führer.
Schiefer als Pisa:
Schnell wurde in der Kirche klar, dass die „Ehre“, den schiefsten Turm der Welt zu besitzen, tatsächlich der Kirche in Suurhusen zukommt. Denn obwohl der Turm in Pisa mit 55 Metern erheblich höher ist, hat der um 1450 nachträglich angebaute nur gut 27 Meter hohe Kirchturm in Suurhusen eine größere Neigung. Diese war allerdings noch gar nicht vorhanden, als der Turm in Pisa sich vor 300 Jahren schon längst geneigt hatte. Ursache für die Neigung, so erfuhren die gespannt lauschenden Senioren, war die verbesserte Entwässerung an der Küste zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Dies hatte zur Folge, dass sich der Grundwasserspiegel erheblich senkte und die bisher vom Grundwasser konservierten tragenden Eichenbohlen sich zersetzten und die Masse nicht mehr tragen konnten. Ebenso wie in Pisa wurde auch der Suurhusener Turm aufwändig saniert und somit vor dem Einsturz gerettet. Dazu wurden 1982 elf Pfähle in 12 bis 14 Meter tiefe Bohrlöcher eingelassen und miteinander verzahnt. Doch diese Maßnahme allein reichte nicht aus. Die überhängende Giebelspitze drohte nachzugeben und wurde 1989 mit einem Stahlkorsett versehen. Seitdem gilt der Turm als gesichert.
Während der kriegerischen Zeiten und bei den vielen Sturmfluten der vergangenen Jahrhunderte diente das Kirchengebäude den Suurhusern als sicherer Zufluchtsort.
Interessante Einzelheit ist eine Flutmarke in der Nordwestecke des Turmes, die immerhin 4,40 m über NN liegt. Während der Weihnachtsflut 1717 wurde ein großes Schiff vor die Mauern des Turmes gespült und konnte erst 14 Tage später bei einer noch höheren Flut wieder in die Ems gezogen werden.
Bei der Dachsanierung im Jahre 2004 wurde im östlichen Bereich der Südwand ein Riss ausgebessert. Dabei entdeckten Maurer eine Besonderheit - ein zugemauertes Hagioskop. Hagioskope werden auch Lepraspalten genannt. Sie stammen aus dem Mittelalter und wurden eingerichtet, um damals Leprakranken, die die Kirche nicht betreten durften, durch Blick zum Altar die Teilnahme am Gottesdienst zu ermöglichen.
Auffällig an der Suurhusener Kirche ist die Schlichtheit der Ausstattung. Bilder, wie sie in evangelisch-lutheranischen und katholischen Kirchen vorkommen, findet man hier nicht.
Mehr kurioser Art waren andere Informationen, die die Senioren erhielten.
Gute Vorsätze seitens des Benehmens nahm man sich in der Kirche im Jahre 1857 vor. So lautete der Beschluss am 8. Januar: "Durch Bekanntmachungskasten soll das Spucken in der Kirche verboten werden." Im nächsten Sommer verbot man dann auch das Tabakkauen in der Kirche.
Andere Zeiten wurden im Turm aufgezogen, als der Vorsteher der Gemeinde am 20.1.1888 bat, den Turm vorübergehend zur Einsperrung einzelner Personen während der Nachtzeit benutzen zu dürfen. Der Bitte wurde nachgegeben "unter der Bedingung, dass der Gemeindevorsteher für allen Unfug und Schaden den der Eingesperrte an der Kirche oder dem Turm verursachen wird, haftet." Ob die Androhung dieser Maßnahme zu mehr Wohlverhalten führte, verzeichnen die Kirchenbücher allerdings nicht.
Gut gelaunt und informiert machten sich die Senioren dann zu einem Rundgang um die Kirche auf. Dabei stellte man interessiert fest, dass nicht nur der Turm schief ist. Einig war man sich allerdings, dass die Planer des Treffens mit dem Ziel bisher nicht schief gelegen hatten. Nach nur drei Minuten Fußmarsch erreichte man das Landarbeiterhaus, wo die restlichen Senioren schon in die Geschichte und das Leben der ostfriesischen Arbeiter eingeführt worden waren.
Leben im Elend:
Das Landarbeiterhaus in Suurhusen zeigt die bescheidene und beengte Wohn- und Lebenssituation einer traditionellen ostfriesischen Landarbeiterfamilie um 1900. Etwa 8 Personen bewohnten das Zimmer (Wohnküche) mit der offenen Herdstelle und den zwei Butzen. Für den Lebensunterhalt sorgte neben einem Schaf- und Schweinestall der angrenzende Nutzgarten.
Schnell wurde allen Zuhörern klar, dass sich das Leben der Landarbeiter noch im letzten Jahrhundert in einer sozialen Schieflage befand. Die Ernährung war spärlich, denn die Landarbeiterfamilien waren überwiegend Selbstversorger, besaßen aber kein eigenes Land. Gekocht wurde in größeren Mengen, meist Suppe mit Gemüse und Kartoffeln aus dem eigenen Garten. Dadurch gab es am nächsten Tag ein so genanntes adeliges Essen, da es „von gestern“ war. Kuchen war Luxusware. Das Brot wurde beim Bäcker gekauft, nachdem man eventuell vorhandenes Mehl beim Müller gegen Naturalentlohnung hatte mahlen lassen. Dieses Mehl wurde dann beim Bäcker gegen Brot eingetauscht. So blieb am Ende oft kaum etwas übrig und wurde in der Familie sorgsam zugeteilt. Fleisch gab es nur an Feiertagen und war aus eigener Herstellung, in der Regel eingepökelt. Das Hauptgetränk war Wasser, das in einer Regenbacke aufgefangen wurde.
Tee war in den Landarbeiterfamilien ein Luxus, der nur den städtischen Bürgern und selbstständigen Bauern vorbehalten war. Zichorienaufguß diente als Kaffeeersatz.
Die meisten Landarbeiter hatten sich einem Großbauern verdingt und wurden mit Naturalien entlohnt. Schon die Kinder verdingten sich bei den Bauern und wohnten dann oft im Haus des Bauern in Brettverschlägen des Gulfes. Arbeitsbeginn war 4 Uhr, Arbeitsschluss 19 Uhr, mit einer Stunde Mittagspause. Die schwere Arbeit wurde mit spärlichem Essen „bezahlt“.
Am Ende des Vortrages waren sich alle Senioren einig, dass sowohl das Landarbeiterhaus als auch der Kirchturm ein geeignetes Ziel für Schulklassen sein könnten, um einen Einblick in die ostfriesische Geschichte zu bekommen. So machte man sich auf, um im gemütlichen „Hexenstüberl“ in Uttum bei Tee und Kuchen weitere Gespräche zu führen. Zunächst beleuchtete Ubbo Voss mit Hilfe eines alten Filmes das Schulleben in den 50-er und 60-er Jahren. Vieles konnten besonders die älteren Kollegen wieder erkennen und manche Szene lud zum Schmunzeln ein.
Anschließend wandte man sich gewerkschaftlichen Themen zu, um dann mit privaten Gesprächen einen ereignisreichen Nachmittag ausklingen zu lassen.
Hingewiesen werden soll an dieser Stelle auf die nächste Veranstaltung, vermutlich im Mai dieses Jahres. Sie soll - soweit darf verraten werden – einen musikalisch-kabarettistischen Höhepunkt beinhalten.
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