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Mai 2009

Außergewöhnliches Theaterstück der Förderschule Norden

„Rattes Geburtstag“ fordert und fördert Schüler/innen

Wie schon in den letzten Jahren, brachten die Schüler der Förderschule Norden unter der Federführung von Remmer Kruse, Musiklehrer, Motor und kreativer Kopf des Projektes, auch diesmal wieder ein ungewöhnliches Theaterstück auf die Bühne.

  Am Anfang stand ein Bilderbuch mit dem Titel „Fünf feiern Geburtstag“. Auf dem Buchumschlag heißt es:
„Typisch: Jeder denkt nur an sich. Bei Ratte wundert’s keinen. Aber bei Katze, Schwein, Krähe und Hund? Eine schreckliche Bande. Alle ziehen zum Müllplatz. Dort hat die Ratte eine Glückssträhne. Nacheinander findet sie ein Taschenmesser, ein Stück Käse, einen Toaster, eine blaue Sonnenbrille. Merkwürdig nur: Keiner der Kumpane ärgert sich, keiner wird neidisch. Wieso nicht? Ratte flippt aus vor Glück. Und die anderen?





Ein Bilderbuch über Freundschaft und Gefühle. Solche, die man gleich sieht, und solche, die versteckt sind.“
Aber noch ist diese hübsch illustrierte Geschichte kein Theaterstück. Der Weg dazu beginnt schon in den Sommerferien. Lange vor dem Schulanfang macht sich Remmer Kruse mit zwei Kollegen die ersten Gedanken, wie das Projekt zu verwirklichen ist. Voraussetzung ist, alle Kinder der Schule, insgesamt 130 in Grund- und Sekundarstufe, am Projekt zu beteiligen. „Seit der musisch-kulturelle Schwerpunkt in unserem Schulprofil verankert ist, sind alle Kollegen in das Projekt eingebunden. Das macht vieles einfacher“, so Remmer Kruse. Schon in den Ferien werden die Wahlpflichtkurse für die Klassen 7 – 10 und die AGs für die Klassen 5 und 6 geplant, die dann fast ein ganzes Schuljahr, wöchentlich zwei Stunden, an der Verwirklichung des Projektes arbeiten sollen. Durch die verschiedenen WPKs und AGs können die Schüler ihre speziellen Fähigkeiten und Neigungen in das Projekt einbringen. Am Ende des Projektes werden die WPK-Leistungen der Schüler benotet und fließen in die Zensuren der verschiedensten Fächer ein. Doch noch ist es lange nicht so weit.
Zu Beginn des Schuljahres wird die Geschichte allen Schülern anhand des Bilderbuches vorgestellt. Nun fallen die ersten konkreten Entscheidungen. Während manche Schüler sich für den Kulissen-, Requisiten-, Musik-, Technik- Tanz- oder Schauspiel-WPK einschreiben, engagieren sich andere im Dokumentations- oder Verwaltungs-WPK.

  So werden im letzteren schon frühzeitig Plakate und anderes Werbematerial, Schreiben und Eintrittskarten entworfen und letztlich sogar verschickt. Später müssen die Einnahmen für die Eintrittskarten kontrolliert und verwaltet werden, ja sogar Mahnungen für säumige Zahler werden verschickt.
Mit der Besetzung der WPKs beginnt für Remmer Kruse und seine Kollegen die Arbeit erst richtig.
„Das Endergebnis ist maßgeblich von den Fähigkeiten der Kinder in den einzelnen WPKs abhängig; viele Dinge ergeben sich erst im Laufe des Schuljahres“, erzählt Remmer Kruse.

Für ihn beginnt nun die Hauptarbeit. Die Texte des Theaterstücks werden den einzelnen Kindern „auf den Leib“ geschrieben. „Dabei muss ich besonders auf die Sprach-, Ausdrucks- und Merkfähigkeit der Schüler Rücksicht nehmen“, erklärt er.


Zusätzliche Rollen müssen erfunden und ausgestaltet werden. Schließlich sollen alle Schüler entsprechend ihrer Fähigkeiten zum Einsatz kommen. Dann beginnt für den Musiklehrer aus Passion der nächste Teil der Arbeit.

Die Idee: Schüler sollen ohne Notenkenntnisse und unter Verzicht auf theoretische Ansätze sofort Zugang zu Instrumenten bekommen und Musik machen. „Bei uns gibt es action von vorne bis hinten“, begeistert sich Remmer Kruse. Als Mitautor des Lehrwerkes „Band ohne Noten“ kann er seine Ideen und praktischen Erfahrungen nun auch in das Theaterprojekt einfließen lassen. Dass diese Methode (wir werden in der nächsten Ausgabe ausführlich berichten) auch bei den Schülern zündet, zeigten die Anmeldungen. Mehr als 50 Schüler wollten am Musik-WPK teilnehmen, sodass tatsächlich ein Casting stattfinden musste.

Doch bevor praktisch geübt werden kann, gilt es moderne Stücke für die alternative Lehrmethode aufzubereiten und zum Theaterstück passende Texte zu schreiben. Diese umfangreiche Aufgabe erfordert erheblichen Einsatz. Doch nicht nur ihr Musiklehrer muss sich einbringen. Auch die Schüler in den beiden Bands mussten sich verpflichten, ein volles Jahr an dem Musik-WPK teilzunehmen. Dafür erhalten sie leihweise Musikinstrumente mit nach Hause und werden in einer Kleingruppe an der Musikschule weiter gefördert. Ermöglicht wird dies durch die Förderung des Ministeriums für Wissenschaft und Kultur, welches das Projekt „Band für Einsteiger“ finanziell fördert. So werden auch für die Förderschule Norden für zwei Jahre 80 % der Kosten übernommen. Bis jedoch der musikalische Rahmen für die Theateraufführung steht, ist es noch ein langer, manchmal steiniger Weg. „Natürlich gibt es zwischendurch die üblichen Probleme wie in jedem WPK; doch gerade die Musik bietet den Kindern einen guten Zugang, sich persönlich weiterzuentwickeln“, zeigt sich Remmer Kruse überzeugt.
Der Erfolg der letztjährigen Theaterstücke führte dazu, dass selbst die Schüler/innen der Grundstufe an der diesjährigen Aufführung teilnehmen wollten. So musste das Theaterstück entsprechend der Fähigkeiten der Grundstufenschüler erweitert werden. Da die Grundschule einer anderen Grundschule zugeordnet ist, waren die Schüler und Kollegen weitgehend auf sich alleingestellt. Bemerkenswert war dabei, mit welcher Begeisterung und Ausdauer sie ihre Requisiten und Kostüme selbst herstellten.
Es mussten noch etliche Schwierigkeiten überwunden und viele Übungsstunden absolviert werden, bis in diesem Frühjahr alle Gruppenergebnisse innerhalb von zwei Projektwochen zusammengeführt wurden.

  Dies erforderte von allen Beteiligten viel Geduld und Konzentration. Doch am Ende standen sechs ausverkaufte und zu Recht bejubelte Aufführungen.
Als Teilnehmer an einer Abendveranstaltung kann der Autor dieses Artikels nur bestätigen:
Licht- und Tontechnik, Kostüme, Masken, Kulissen, Requisiten, Tanz, Gesang, Darstellung und Musik waren eine fantastische Einheit und wurden verdientermaßen ausdauernd beklatscht. Doch nicht nur die Zuschauer waren belohnt worden. Den Gesichtern der Akteure konnte man die Freude und den Stolz über die erbrachte Leistung ansehen, als sie wiederholte Male den verdienten Beifall entgegennehmen konnten.



„Das ganze Theaterprojekt ist ein guter Weg, bei den Schülern vielfältige Fähigkeiten zu fördern und zu entwickeln, Bildung und Persönlichkeitsentwicklung voranzutreiben, das Selbstbewusstsein zu stärken. Ohne den Einsatz des ganzen Kollegiums, die Hilfe des Jugendhauses, sowie weiterer Helfer ist so ein Projekt aber nicht möglich. Deshalb werden wir die Einladungen zu Theaterfestivals auch nicht annehmen. Man muss seine Grenzen wahrnehmen“, betonte ein sichtlich gestresster, aber auch erleichterter und stolzer Remmer Kruse nach der letzten Veranstaltung.

Für die Musiker geht es allerdings doch noch weiter. Sie dürfen sich auf einen Auftritt in der KulturEtage in Oldenburg anlässlich eines Theaterfestivals der Förderschulen freuen.
Und auch ich freue mich schon auf das nächste Jahr, wenn es hoffentlich heißt:
Vorhang auf für die Förderschule Norden!



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